Home | Grundlagen | Medizin | Pädagogik | Wirtschaft | Dozenten | Über uns | Infos anfordern

Die Balint-Gruppe


Die nach Michael Balint benannte Gruppentechnik wurde entwickelt als ein Instrument zur Reflexion und Nutzung der Arzt-Patient-Beziehung im therapeutischen Setting. In der kollegialen Gruppe wird die Beziehung zwischen Arzt und Patient ausgeleuchtet, analysiert und verständlich bzw. nachempfindbar gemacht. Dabei erfolgt der Zugang zur Interaktion nur vom Patienten her, das heißt von seinem Verhalten, seiner Situation, seiner Zukunft und Vergangenheit. Dadurch erfährt sich natürlich auch der Arzt als Partner, seine Situation wird jedoch nicht angesprochen oder gar besprochen. Der innere Anteil des Arztes an der Interaktion bleibt – mit Ausnahme seiner gefühlsmäßigen Reaktion auf den Patienten – für die Teilnehmer im Dunkeln. Auch wenn manchmal die Balintgruppenarbeit als reflektierende Selbsterfahrung bezeichnet wird, so ist es doch etwas ganz anderes als eine Selbsterfahrungsgruppe, bei der Gruppenteilnehmer zum Thema der Gruppe gemacht werden. In der Gruppe wird auch die Phantasie der Teilnehmer gefördert, ein wichtiger Aspekt, um aus festgefahrenen Denkschemata heraus zu kommen („Frech denken – vorsichtig handeln“ M. Balint).

Heute ist diese Technik nicht nur fester Bestandteil der medizinischen Aus- und Weiterbildung, sondern wird auch in vielen anderen Bereichen genutzt, in denen Beziehungs- und Interaktionsproblematiken eine Rolle spielen, z. B. in der Pädagogik und auch in Wirtschaftsbereichen.
So gibt es inzwischen „Balintgruppen“ beispielsweise für Lehrer, für Ausbilder, für die sog. Heilhilfsberufe, für Coaches.


Ziele dieser Gruppenarbeit
mit Ärzten sind:
1. Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient besser zu verstehen und Beeinträchtigungen Probleme zu diagnostizieren und zu lösen.
2. Die emotionalen Abläufe und die dahinter liegenden (Übertragungs- und Gegenübertragungs-) Phänomene zu durchschauen und sich möglichst unabhängig davon zu machen.
3. Die therapeutische Wirkung des Arztes selbst zu erkennen und für die Therapie zu nutzen.
4. Das eigene Blickfeld zu erweitern durch den Abbau von Vorurteilen, durch das sich frei machen von eigenen Werturteilen und durch Üben „Undenkbares“ zu denken (Phantasie).
5. Sich heranzulieben an den unangenehmen Patienten (Den Wandel vom lästigen Fall zum interessanten Menschen zu vollziehen)
6. Entlastung zu bekommen von Sprechstunden- und pathologischen Leistungsdruck durch die kollegiale Gruppe (man ist nicht allein mit den Problemen.
7. Die intra- und interdisziplinäre Kollegialität zu fördern.


Die Gruppenarbeit erfolgt in folgenden Schritten:
1. Die Vorstellung und dann Bearbeitung von Problemfällen.
Damit sind emotional schwierige Patienten gemeint, die dem Arzt auch nach der Sprechstunde nicht ganz aus dem Kopf gehen und auch solche, mit denen die Kommunikation problematisch gewesen ist oder vor deren nächstem Besuch man sich nicht wohl fühlt. Dazu gehören auch Patienten mit chronischen Verläufen und sog. psychosomatische Fälle aber manchmal auch Patienten ohne offensichtliche Besonderheiten.
2. Sich öffnen und sich bewusst machen der eigenen Gefühle gegenüber dem Patienten (Übertragungs- und vor allem Gegenübertragungsphänomene).
3. Entwickeln von Sensibilität für psychosomatische Zusammenhänge und fachkundigen Umgang damit erlernen.
4. Kommunikationsprobleme erkennen und lösen durch fachkundige und zielorientierte Vorgehensweisen.
5. Sich nicht durch „gesunden“ Menschenverstand in die falsche Richtung leiten lassen, auch wenn es oft schwer fällt.


Konkret soll mit dieser Gruppenarbeit erreicht werden:
1. ein leichterer Zugang zum Patienten
2. ein tief greifendes Verständnis für die echten Nöte
3. eine Verringerung des Medikamentenverbrauchs, weniger Anrufe außer der Reihe und weniger Notfallhausbesuche
4. mehr Effizienz in der Behandlung und bessere Kompliance der Patienten
5. ein besserer Überblick durch die kollegialen Hilfen
6. mehr Freude und weniger emotionale Belastung bei der Arbeit.


Regeln:
Damit die Balintgruppe nicht zu einer Selbsterfahrungsgruppe gemacht wird, sind gewisse Spielregeln zu beachten:
1. Sich selbst oder andere Gruppenteilnehmer zum Gegenstand der Gruppenarbeit machen, ist unzulässig.
2. Möglichst von sich ausgehend sprechen, das Wörtchen „man“ u. dgl. vermeiden.
3. Zu jedem Treffen einen vorbereiteten Fall mitbringen. Wenn man keinen schwierigen Fall hat, nimmt man einfach den 3. oder 5. Patienten eines Tages.
4. Nach der Falldarstellung keine Fragen an den Vorstellenden richten. Nach seinem Bericht schweigt er möglichst während der Bearbeitung seines Falles, da er ja sein eigenes Wissen schon kennt und nur durch zuhören neue Aspekte entdecken und zu wirklichem Zugewinn kommen kann.
5. Bei den Patienten wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass sie bei dem vorstellenden Kollegen somatisch/medizinisch bereits bestens abgeklärt und versorgt sind.
6. Es werden bevorzugt Fälle vorgestellt, die noch weiter betreut werden, damit eine Verlaufskontrolle möglich ist.


Veröffentlichungen
von Jakob Derbolowsky zur Balintgruppe:

Die Balint-Gruppe als Hilfe für Atemlehrer; in Der Atemlehrer im Gesundheitswesen (Hrsg. V.Glaser, J. Derbolowsky), Verlag f.Med., Heidelberg, 1990

Die Balint-Gruppe als Hüterin von Menschlichkeit und therapeutischer Qualität; in Praktische Psychotherapie (Hrsg. J. und U. Derbolowsky), Verlag f. Medizin, Heidelberg, 1990

Zur Bedeutung der Balint-Gruppenarbeit für die Behandlung psychosomatisch erkrankter Patienten, Erfahrungsheilkunde, 7/87, 460-465

Weitere Literatur:

>>> pdf download
>>> www.balintgesellschaft.de

Private Akademie für Psychopädie

Private Akademie für Psychopädie

Copyright by Dr. Derbolowsky | Impressum